JACKY: DER WEG IN DIE FREIHEIT
von Katharina Boll

Ich bin die Jacky (mein jetziger Name, früher hatte ich nur eine Nummer), eine 2 Jahre alte Labor-Beagle-Hündin. Als ich zu meiner Familie kam, stand ich 4 Tage vor meinem 2ten Geburtstag und die Vermittlung aus dem Labor sollte zu meinem schönsten Geburtstagsgeschenk werden…
Auf in die Freiheit!
Es war am frühen
Vormittag des 20.März 2003, ich hatte morgens nicht wie gewöhnlich etwas zu
fressen bekommen – als einziger Hund, und war schon etwas unruhig vor Hunger,
als sich plötzlich die Tür meiner „Betonabteilung“ öffnete….
Und
wer stand dort??? Ein mir altbekannter Laborant und eine fremde Frau – die
Vermittlerin, die mich zu meiner neuen Familie bringen sollte, wie sich später
herausstellte.
Neben meinen anderen Beagle-Gefährten war ich völlig hilflos, als ausgerechnet
ICH ausgewählt und aus meinem „Gefängnis“ hinausgeholt wurde. (Später fragte ich
mich, ob das etwa geplant war, weil ich als Einzige nüchtern bleiben musste…?!)
Dann wurde ich in eine Hundebox verfrachtet, die in einem Auto stand, welches
der mir völlig unbekannten Frau gehörte. – Ja, ich hatte Angst, die Hosen voll,
wie man so schön sagt. Nichts zu fressen bekommen, dann raus aus meiner
gewohnten Betonumgebung, raus aus dem Gebäude und ab in die frische Luft (konnte
ich noch nie vorher schnuppern), rein in ein Auto (was ist denn das???) und ab
ging die Post.
Begrüßung auf die feine englische Art?
Ich
glaube, die Fahrt dauerte eine Ewigkeit, mir war so schlecht und ich zitterte am
ganzen Körper – Was hatten sie mit mir vor? Versuche? Experimente? - Ich glaube,
ich wäre vor Angst fast gestorben, aber dann stoppte das Auto in einer
ländlichen Gegend, mit wenigen Häusern und vielen Bäumen und frischer Luft
(alles im Vergleich zur Großstadt Berlin, wo ich hergeholt worden bin).
Die fremde Frau, die mich abgeholt hatte, öffnete die Kofferklappe und meine
Hundebox, und da stand sie, in voller Lebensgröße: mein zukünftiges Frauchen
(das wahrscheinlich genauso aufgeregt war, wie ich zu diesem Zeitpunkt), meine
Retterin, meine Heldin….die erste meiner neuen Familie, der ich in die Augen
blickte… (dies zeige ich ihr heute auch mit viel Anhänglichkeit und treuen
Beagleaugen)…. Ich war so überwältigt, dass ich mich erst einmal in meiner
Hundebox kräftig übergeben musste…. Naja, es war wohl eher die Angst, die mich
dazu veranlasst hat, meiner neuen Familie diese eher unangenehme Begrüßung zu
bereiten.
Die ersten Bekanntschaften
Mein Frauchen hob mich aus dem Wagen und nahm mich auf dem Arm – mir hing immer
noch ein grünlicher Sabberfaden an der Schnauze – die letzten Überreste meiner
unschönen Begrüßung und dann ging es ab ins Haus, das in einem tollen Garten
stand!
Nebenbei
waren dann noch zwei andere neue Frauchens und Herrchens, die ebenfalls in mein
neues Heim gehörten.
Drinnen in der Wohnung musste ich dann erstmal Bekanntschaft mit der Hauskatze
machen, die mich sofort anfauchte – ich glaube, die mag mich nicht, auch heute
macht sie noch immer einen großen Bogen um mich…dabei lass ich sie doch in Ruhe,
oder ab und zu will ich doch nur mit ihr spielen!
Während im Wohnzimmer dann mit der fremden Frau, die mich aus dem Labor abgeholt
hatte, mindestens 2 Stunden lang Formalitäten abgearbeitet und Tipps für meine
Haltung und Pflege gegeben wurden, durfte ich die ganze Zeit neben Frauchen auf
der Couch sitzen… - war ganz schön komisch, dieser weiche, wackelige Stoff, der
dir keinen festen Boden unter den Füßen gibt, wie ich es von meinem
Betonschlafplatz im Labor gewöhnt war. Naja, ich hab da noch ganz schön lange
vor mich hingezittert und hing da wie ein Schlückchen Wasser, aber gaaaaanz
langsam ging es dann bergauf mit mir – ich bin schließlich kein Kind von
Traurigkeit - und kaum war die fremde Frau gegangen, fühlte ich mich sicherer,
wahrscheinlich weil ich durch sie noch eine Verbindung zum Labor und der Fahrt
hatte, die mir Angst machte (schließlich wusste ich nicht genau, ob mich die
Frau wieder mitnehmen würde). Jedenfalls bin ich dann ängstlich, aber
tooootal neugierig, wie meine Familie es immer nennt, durch die Wohnung getigert
und musste erstmal alles genau erkunden.
Das Hundekissen, was für mich bereitlag, war mir noch nichts, ich bevorzugte den
kalten Platz in der Küche auf dem Parkett, genau vor dem Fressnapf der Katze –
vielleicht ist das der Grund, warum sie mich nicht mag und immer noch beleidigt
ist.
Baby oder ein ganzer Kerl(in)?
Als
dann abends alle Mitglieder meiner Familie zuhause waren und mich bestaunten,
war ich dann schon etwas ruhiger und bekam auch mein erstes Futter, was ich
natürlich nur so verschlang, weil ich ja an diesem Tag noch nichts bekommen
hatte – obwohl meine Familie erst daran gezweifelt hatte, ob ich denn auch
wirklich schon fressen würde. Naja, alle stellten fest, dass ich ein bisschen
klein geraten bin für einen Beagle und sehr zierlich und schlank bin. Ich habe
genau 7,8 kg gewogen, und meine Rippchen hat man schon leicht erkennen können,
wobei ich aber nicht sagen kann, dass ich deshalb halb verhungert oder
verwahrlost aussah. Jedenfalls habe ich in dem Monat, in dem ich bei meiner
Familie bin, schon ein Kilo zugenommen, aber viel mehr dürfen es auch nicht
werden, denn für meine kleine Größe ist das schon völlig okay.
Was mich nervt: Alle denken immer – also die Leute auf der Straße – dass ich
noch ein Baby bin, weil ich so klein bin. Dabei bin ich doch schon 2 Jahre alt!
Und ich benehme mich auch nur ganz selten wie ein Welpe – ehrlich!
Wie man lernt auf „Toilette“ zu gehen
Ansonsten, was kann ich bis jetzt noch zu meinem 1monatigem Aufenthalt sagen?
Also stubenrein wurde ich ca. nach 2 Wochen. Ja, ich habe meine Blase schon gut
trainiert – schließlich musste ich erstmal lernen, auch anhalten und kneifen zu
müssen. Aber das klappt richtig gut und mittlerweile bin ich schon so frech,
dass ich nachts, wenn ich noch mal schnell auf Toilette soll, bevor meine
Familie schlafen geht, nur noch schnell rausrenne, mein Geschäft erledige und
gleich wieder zur Tür renne, weil ich genau weiß, dass ich danach gleich wieder
rein darf; denn draußen ist es nachts ja so kalt und ungemütlich…
Ein unsichtbarer Feind
Jaja,
die Temperatur... das war auch noch mal ein unsichtbarer Feind für mich. Im
Labor waren es immer konstant angenehme 21°C und draußen, bei der Family,
manchmal abends nur 5°C – da wollten mich aber keine 10 Pferde rauskriegen und
ich wollte nicht an der Leine laufen und hab nur gezittert. Aber mittlerweile
geht das schon, ich sage nur: man gewöhnt sich an alles! Auch an die doofe Leine
und das Geschirr, was ich immer tragen muss. Anfangs war das ganz schön
schwierig mit mir, vor allem weil ich gleich kurz nach meiner „Entlassung“ ganz
doll nach männlichen Hunden Ausschau gehalten habe und ich deshalb gar nicht so
richtig an der Leine laufen wollte – aber die Zeiten sind jetzt erstmal vorbei
und ich laufe recht gut an der Leine und KANN auch schon auf meinen Namen und
auf „Komm hier her“ hören – wenn ich will und auch nur, wenn das Wörtchen „hier“
dabei ist, weil das so schön klingt!
Haushund oder Hausschwein?
Fressen tu ich im wahrsten Sinne des Wortes wie 'ne kleine Sau – sagt meine
Familie zumindest immer, aber ich find das gar nicht – was kann ich denn dafür,
wenn meine langen Schlappohren immer im Fressnapf hängen? Naja, und ich kann
auch gut das Hundefleisch vermischt mit Hundemüsli voneinander trennen und das
Trockene raussammeln und neben meinen Napf legen, dafür bin ich ein Naturtalent
und das ärgert mein Frauchen immer.

Lebensinhalt: Schmusen
Ansonsten freue ich mich immer ganz viel und wedel mit dem Schwanz, manchmal
bekomm ich auch meine 5 Minuten, wo ich dann spielen will und wie `ne Verrückte
durch die Wohnung pese. Und Kuscheln und Schmusen mag ich auch ganz doll, dann
komm ich immer, und leg mich auf Frauchens Bein und die krauelt mich dann schön
– ich hab da schon voll die Taktik entwickelt!
Neuerdings hab ich auch einen Hundekorb und da geh ich viel lieber rein, als auf
das normale Hundekissen und dort fühl ich mich dann so wohl, dass ich schon mal
den Fernseher übertöne mit meinem Geschnarche und Gegrunze, wenn Herrchen und
Frauchen Fernseh gucken wollen.
Hundefazit
Meine Familie sagt immer zu anderen Leuten, dass sie sich das viel schwerer mit
einem Laborhund wie mir vorgestellt haben und dass ich tatsächlich viel
unkomplizierter war/bin, als sie geglaubt hätten.
Was man mir noch anmerkt,
ist meine Schreckhaftigkeit – eine Eigenschaft, die ich aus meiner Laborzeit
mitgenommen habe, weil man dort immer auf der Lauer sein musste. Und ich
bin auch ziemlich skeptisch Fremden gegenüber (meistens jedenfalls), nicht
ängstlich unbedingt, aber skeptisch, so dass schon mal ein altbewährtes Leckerli
von einem Fremden nicht ganz so lecker riecht und was ich dann nur mit Vorsicht
annehme.
Ich kann sagen: Mein Hundeleben hat vor einem Monat eigentlich erst richtig
begonnen und ich hoffe, dass mir meine Familie noch weiterhin viel Freude
bereiten wird ... Äh ich meine, dass ich ihr noch viel Freude bereiten werde!
© Katharina Boll 2003
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